Wer war Augusta Hartmann?
... Sie ist keine Sängerin, sie ist eine Singende, sagte Karl
Wolfskehl nach ihrem Münchener Liederabend im Kriegswinter 1918. Wie Ludwig
Wüllner kein Rezitator schlechthin war. Mit ihm hat man sie oft verglichen.
Was sie sang, war erlebt, war in ihrem Herzen, in ihrem Wesen gestaltet. Ob
es, von ihr selbst in Bibliotheken ausgegrabene, glutvolle religiöse Renaissance-
und Barocklieder waren, oder damals ganz modern vertonte Momberttexte, Lieder
von Gustav Mahler und anderen. Die Gestaltung, die Eindringlichkeit war ungewöhnlich;
würde es auch heute sein. Denn das starke Erleben ist ein Göttergeschenk
ein dornenvolles. Liebelei kann den Menschen nicht umbringen, zehrt nicht
am Lebensmark; wohl aber wahrhafte Liebe. Augusta Hartmann war eine der großen
Liebenden. Als ich sie im Jahre 1911 kennenlernte, war sie kaum von schwerer
Krankheit genesen. Die Kunst, die Liebe hatten von ihr Besitz ergriffen, von
der Leidenschaft ihres ausgeprägten Wesens. Es war nach dem ersten großen
Konzerterfolg in Berlin gewesen. Sie hatte wohl nur für den Einen gesungen.
Der junge schöne Bildhauer wußte, wer Augusta Hartmann war. Aber Augusta,
bei aller Kraft zart und hellfühlend, wußte, daß seine Kunst an die Grenzen
der Eitelkeit gebunden war, seine Liebe in der Enge eines hemmungslosen Egoismus
befangen. Was hilft es einer großen Liebenden, das im Innersten zu wissen?
Zwischen Liebe und Tod stellte sich die Krankheit. Die starken Fieber waren
überstanden. Aber die kleinen Temperaturen wollten nicht weichen. Liegen!
Liegen! hieß das Gebot des Arztes. Erst in Arosa, dann Reichenhall. Zum Schluß
Nachkur in Meran. Dort lernten wir uns kennen. Die fast übergroße, schlanke
Erscheinung, gut proportioniert, war Ausdruck einer ungewöhnlichen Eleganz.
Noch im Alter war diese Eleganz allen Frauen von Welt ein Ärgernis. Sie
wirkt wie aus herrschaftlichem Hause, sagten sie vorwurfsvoll. Dabei
war sie keineswegs wohlhabend; konnte durchaus nicht für ihre Kleidung ausgeben
wie jene Frauen von Welt. Die hätten schwerlich Augustas mühsames Leben eintauschen
mögen. Nicht allein in der Kunst war ihr Streben auf das Vollkommene gerichtet;
auch im religiösen Sein wie weit sie sich auch als freiheitsliebendes
Weltkind vom Dogma entfernt hatte... Unter den Eichen in Berlin-Lichterfelde-West
erreichte man nach endlosem Treppenaufstieg die vollkommenst-schöne Dachwohnung...
Hier lebte und wirkte Augusta Hartmann. Die angrenzenden Wohnungen hatten
ihr Bruder Heinrich und sein Compagnon Möhrke inne. Das Geschäft Möhrke und
Hartmann war epochemachend in Antiquitäten und Kunsthandel. Der war bisher
aus den kleinen und größeren Trödlerläden aufgestiegen zu den großen feierlichen
Geschäftshäusern, die Riesen-Werte umsetzten... Wenn wir wieder alein waren,
stand Augusta noch lange mit dem Rücken gegen den großen roten Ziegel-Kachelofen
gelehnt und wir sprachen von den Münchener Zeiten mit Rilke, Wolfskehl, Wölfflin,
Cornelius. Weißt Du noch den Abend mit ihnen in Deiner Wohnung in der
Leopoldstraße? Nachher sagte ich zu Maria: Kind, wir dachten uns
mit dieser Einladung was Schönes anzutun ... aber ... das ist es nicht...
Und nachher, als Wölfflin, der große Herr, der Gletscherkönig, fort
war, sprangst Du wie ein Schulkind durch den großen Raum.
Besonders gern erinnerten wir uns der Juliwochen mit Rilke in Böckel im Kriegssommer
1917. Bei jedem Zusammensein in späteren und späten Jahren tauchte dieses
Weißt Du noch auf. Am deutlichsten ist Augusta Hartmann geschildert
durch einen Ausspruch von Arno Holz, dessen nächstem Kreis sie und ihr Begleiter,
der Komponist Stolzenberg, angehörten. Zu Holz Geburtstag sang sie ein Lied
aus dem Daphnis. Als es beendet war, brach Holz inmitten der Festlichkeit
in Tränen aus und stammelte: Es ist nicht mein Gedicht und nicht Stolzenbergs
Musik es ist Ihre große Menschlichkeit, Augusta, die mich umwirft...
Das Jahr 1938 war beschattet durch schweres Erleben mit Bruder Heinrich. Er
fühlte sich von den Nazis verfolgt. In qualvollen Depressionen befangen, siechte
er dahin. Als ich eines Abends von einer Reise heimkehrte, erreichte mich
die Nachricht von seinem plötzlichen Tod. Die Beerdigungsstunde neun Uhr am
folgenden Morgen war angegeben, der Friedhof bezeichnet. Ich mußte hin. Einzige
Möglichkeit: mit dem Zug früh um fünf Uhr könnte ich noch gerade rechtzeitig
zur Beerdigung kommen. Wie es gelang, weiß ich nicht mehr. Der Friedhofswärter
half mir. Plötzlich stand ich vor wenigen Paaren, die dem Sarg folgten. Als
Augusta mich gewahrte, weinte sie laut auf: Hertha! Du! Ich blieb
für immer an ihrer Seite. Am Grabe sprach der Freund Wagner einige Worte und
endete mit dem Vaterunser. Da wußte ich: die furchtbare Angst hatte den Armen
in den Freitod getrieben. Augusta und ich fuhren in das Haus ihrer buddhistischen
Freundin. Man ließ uns den ganzen Tag allein in dem feierlichen Bibliotheksraum.
Ich empfand die edle Schönheit, die ernste Sammlung in diesem Raum. Doch fühlte
ich mich befremdet. Ich achtete es nicht; ich hatte ja nur neben Augusta zu
sein. Abends verlangte sie in ihre Wohnung zurück, wo sie ihn wenige Tage
zuvor erhängt gefunden hatte. Für mich bleibt nur das Kreuz, brach
es aus ihr heraus. Das war die große Wende ihres Lebens hin zur einfachen,
gehorsamen Frömmigkeit ihres katholischen Bekenntnisses. Es entsprach ihrem
Wesen, zur rechten Zeit sich die Ausübung ihrer Kunst zu versagen. Das war
für sie der schwerste Verzicht. Wir müssen uns von allem lösen,
hörte man sie manches Mal, nicht ohne wehmütige Bitternis im Unterton... Allem
Schönen, Heiteren, allem Merkwürdigen bis ins hohe Alter aufgeschlossen, galt
ihr Bemühen immer tieferer Erkenntnis, dem inneren Stillwerden und Reifen.
In ihren Briefen stand oft ein wunderbarer Satz von Thomas von Aquin, der
sie gerade bewegte. In Demut sich zu üben, scheute sie keine Anstrengung.
An einem kalten regnerischen Frühlingsmorgen hat sie sich, vierundachtzigjährig,
noch an einer Wallfahrt beteiligt sie, die jede Erkältung vermeiden
sollte.
Als ich das letzte Mal bei ihr war, äußerte sie: Ich sehne mich nach
der Wandlung zu einer anderen Daseinsform vom Körper los... Doktor
Sonnenschein wird diese Entwicklung vorausgeahnt haben. Damals, als es ihm
nicht gelingen wollte, sie in seine Hilfsabsichten einzuordnen, tadelte er
scherzend: Sie sind nicht zu organisieren! Augusta Hartmann war
eine gütige, innerlich und äußerlich vornehmste Erscheinung dieser Epoche.
Mit ihrem Hinscheiden ist die Welt um kostbares Wesens- und Erfahrungsgut
ärmer geworden.
(Dies ist ein Auszug aus: Wer war Augusta Hartmann?, in: Hertha
Koenig: Hinter den Kulissen eines Lebens, Pendragon Verlag 2004)