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Martin Heidegger zu Besuch auf Gut Böckel

Martin Heidegger Es war in den Morgenstunden still geworden zwischen den unheilvollen Sturmtagen im Februar 1962
Ich hatte zwei Gäste [Martin Heidegger und Heinrich Wiegand Petzet] zur Bahn gebracht. Wie wird man sich nach diesen gemeinsamen Tagen zurechtfinden, dachte ich, während ich gleich in der Halle die Leere empfand. Ich trat ins Zimmer. Alles leer. Und gestern, und noch vor Stunden, alles voll von Heiterkeit, von jener, die am Rande großen Ernstes ihr befreiendes Spiel treibt. Dann hatte der eine Gast [Martin Heidegger] aus Stifters „Bunte Steine“ den „Kalkstein“ vorgelesen. Nicht nur, weil es seine Lieblingsgeschichte ist und weil es gut ist, ihn diese Geschichte so still und eindringlich lesen zu hören. Nachher sagte er leise: „Es ist die schönste Lieblingsgeschichte.“ Vielleicht hätte man es gar nicht bemerkt, wenn er das nicht gesagt hätte. Denn zwischen den zwei jungen Menschen stand ja immer der Gartenzaun, durch den sie sich höchstens einmal die Hand reichten. Aber angeschaut haben sie einander. „Nur dies.“ Das Vorlesen war am letzten Abend gewesen. Nun stand ich im gleichen Raum, auf mühsames Einsamsein gefaßt. Doch bald merkte ich, daß es nicht mühsam wurde und daß keine Leere mehr da war. Vielmehr war alles gefüllt von Dankbarkeit für das Geschenk dieser Tage. Und es war sogar eine Art Vorgefühl da - wer weiß, was die Dankbarkeit vermag.
Ich nahm das schmale Buch vom Tisch, das mir der Leser des „Kalkstein“ mitgebracht hatte: „Hebel der Hausfreund.“ Kaum hatte ich begonnen und wußte, daß man den „Hausfreund“ lieb hat, wenn man ihm begegnet.

In seinem Buch über Martin Heidegger (1889 - 1976) schildert Heinrich Wiegand Petzet einen Besuch bei Hertha Koenig im Jahr 1962, während welchem die beachtenswerte Erscheinung Phia Rilkes von Maria nachgeahmt wurde (in: Heinrich Wiegand Petzet, Auf einen Stern zugehen. Begegnungen mit Martin Heidegger, 1929 bis 1976, Frankfurt 1983, S. 121-127): Jetzt läutete sie [Hertha Koenig], um den Hauptgang auftragen zu lassen. Da öffnete sich eine Tapetentür - und herein trat eine geisterhafte Erscheinung, ganz so, wie sie sie in der genannten Schrift [Rilkes Mutter] geschildert hatte, dort beim Mittagsmahl in einem Münchener Hotel: ‚Alle Blicke wandten sich einem geheimnisvollen Vorgange zu ... Wäre statt Mittag die zwölfte mitternächtliche Stunde gewesen, hätte man vermutet, eine längst versunkene Zeit sei erstanden in dieser Gestalt, der einzig Lebenden, der einzig handelnden unter Schatten, die stumm ihre Mahlzeit einnahmen ...‘ Auch wir saßen stumm. Welcher Geist war da aus der Tapetentür getreten? Die Betroffenheit löste sich erst, als die Gastgeberin in herzliches Gelächter ausbrach: ihr wohlinszenierter Scherz war gelungen! Es war ihre getreue Maria, seit bald einem halben Jahrhundert ihre zur Vertrauten gewordene bäuerliche Helferin, die da eine fast makabre Szene aufgeführt hatte. Jetzt verschwand sie, mit höfischer Courtoisie sich verneigend, wieder in der Tapetentür, da sie sich von den beiden Tischgästen erkannt sah. Maria und doch nicht Maria! Sie war aufgetreten in Hut und Mantel der verstorbenen Rilke-Mutter, Dinge, die Phia Rilke ihr vererbt hatte, weil sie sich um die Greisin, nach des geliebten René nie verwundenem Tod, hingebungsvoll gekümmert hatte. Der paillettenbesetzte Umhang, der Schleier, der von dem fast keck wirkenden schwarzen Hütchen herabhing, das gestaltverhüllende lange Kleid nach längstvergangener Mode: wenn Maria sich darin bewegte, dann schien es, als sei das alles für sie gemacht. Mit der alten Dame beschwor sie ein ganzes Zeitalter herauf. Wieder war ein Bann gebrochen... - und was nun folgte, war keineswegs eine ‚beklommene Mahlzeit‘.

Weiterhin schreibt Petzet ... Als ich Heidegger einmal erzählte, Rilke habe in der Zeit seines Aufenthaltes auf Böckel jeden Morgen, wenn er die Freitreppe in den Park hinabging, an einer barocken Orpheus-Statue vorbeigehen müssen, gab dies offenbar den letzten Anstoß für seinen Entschluß, Frau Koenig und damit dem Böckel Rilkes einen Besuch zu machen.

(Dies ist ein Auszug aus: „Ein schönes altes Fachwerkhaus fällt“, in: Hertha Koenig: „Hinter den Kulissen eines Lebens“, Pendragon Verlag 2004)