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Über den Besuch des Bundespräsidenten Heuss auf Gut Böckel in Westfalen, November 1952.

Theodor Heuss Bis heute kann ich nicht ohne Beklemmungen an den Bundespräsidentenbesuch zurückdenken... Auf höchsten Wunsch sollte alles ganz „inkognito“ vor sich gehen. Man kann leider alles übertreiben. Andere hätten trotzdem mindestens eine Servierfrau aus der Stadt zu Hilfe genommen. Ich aber sagte: „Wir machen es genau so wie bei anderen Gästen.“ Hier werden die Speisen nicht angereicht. Ich nehme sie vom kleinen Serviertisch zu meiner Rechten und gebe sie dem Gast, und er gibt die Schüsseln weiter. Das hatte bisher noch nie Schwierigkeiten oder Unbehagen ausgelöst. Aber in diesem hohen Falle klappte es nicht. Meine, damals seit nahezu vierzig Jahren bei mir bewährte Maria, stand wieder mit ehrlicher Begeisterung in der Küche. Eine Suppe wurde eigens erfunden, die hinfort den Namen „Bundespräsidentensuppe“ führte... Die Suppe konnte ich an jenem hohen Tag noch so eben würdigen – ohne Albdruck – bis die Konflikte beängstigend wurden.
Ursel, unser junges Mädchen, hatte schon Tage zuvor wenig Entgegenkommen gezeigt. Am festlichen Vormittag wurde es bedrohlich mit ihr. „Nicht mal für eine saubere weiße Bluse hat sie sich gesorgt, hat im Gegenteil alles, was möglich gewesen wäre, in den Waschbottich gesteckt!“ Maria war empört. Sie gab ihr eine Bluse von sich. Anstatt sich am Vormittag auf die wichtige Handlung bei Tisch vorzubereiten, machte sie sich – nun gerade – daran, den Gänsestall auszumisten und schob renitent ihre beladenen Schubkarren auf den Düngerhaufen. Maria knurrte sie ein paar mal an; sie wollte einfach heute nicht servieren, wie das hier genannt wird, obgleich man nichts verlangt, was diesen hochtrabenen Ausdruck rechtfertigte. Ich wagte gar nicht, Ursel irgendwelche Hinweise zu erteilen, wie man sich in Gegenwart eines Bundespräsidenten zu verhalten habe; außerdem fehlte es mir selber an derlei Erfahrung. So bot ich bei Tisch, was von korrekter Seite oft gerügt wird, auch in diesem außergewöhnlichen Fall, einen zweiten Teller Suppe an. Es wurde nicht übel vermerkt. „Den nehme ich gern“, sagte Heuss. „So eine gute Suppe bekomme ich nicht alle Tage, obgleich ich gut versorgt werde.“ Dann kam Ursel mit gefährlich rotem Kopf und, was noch schlimmer war, mit einem vollbeladenen Tablett nach dem andern. In der friedlich gesinnten Küche war alles so treuherzig ausgedacht gewesen. Maria hatte, zu dem vielen Gutschmeckenden, sich zusätzlich an Spätzle gewagt, die als preußisch oder bayrisch, jedenfalls nicht württembergisch, aberkannt wurden. Meine Beklemmungen verschlimmerten sich von Schüssel zu Schüssel. Beim Herumreichen tat der hohe Gast mit landesväterlicher Nachsicht sein Möglichstes; obgleich es mit der Zeit anstrengend wurde. In diesem Augenblick schnappte ich, mitten zwischen Kalbsbraten und einer der Beilageschüsseln, einen Blick auf, den ich früher nur beim ägyptischen König Echnaton wahrgenommen hatte. Ich war früher der Meinung gewesen, solch ein Blick erfordere einen ägyptischen Königsthron und unendliche Wüstenweite, um, über sie hinweg, auch das noch einmal bei jenem vornehmen englischen General von der kämpfenden Truppe gewahrt, der Böckel als Hauptquartier erkoren hatte. Trotz allem, was einen nach dem Zusammenbruch kleinmütig machte, trat ich, eine englische Bitte stammelnd, vor ihn hin: ob er nicht ein oder zwei englische Soldaten hier stationieren könnte, weil immer Russen und Polen aus den benachbarten Lagern auf den Hof kämen und wir Frauen hier allein wären. Er hob den Kopf mit dem ägyptischen Königsblick über Wüsten hin, obgleich er hier nur Platz hatte bis zur Decke der Böckeler Halle. Darum nannte ich ihn seither den Feldherrenblick. Jetzt aber ­ vom Teller mit Kalbsbraten und Gemüsen, nur bis zum Serviertisch hin ­ da erkannte ich blitzartig: es war schlechthin der Herrscherblick. Der Bundespräsident hatte Ursels roten Kopf gesehen! Und hatte gesehen, wie sie alle Schüsseln, die auf dem Serviertisch nicht mehr Platz hatten, obstinat hinschubste, wohin sie trafen. Es wurde mir immer schwerer, meinem hohen Gaste zuzuhören und selber ein gelegentliches Wort zu liefern. Innerlich wütend, sagte ich, so liebenswürdig, wie es mir noch möglich war: „Ursels Stärke liegt im Betreuen der Gänse.“ Der Bundespräsident zog den Herrscherblick ein wie Segel bei Sturm und sagte leutselig: „Ja, ja, sie füttert lieber ihre Gänse als den alten Heuss.“ Der Spruch „Die Wahrheit wird euch frei machen“ hätte hier Wunder wirken müssen. Aber mir zu Rechten bereitete sich die Katastrophe vor. Nur noch ein Augenblick, und sämtliche zu vielen Schüsseln landen beim Generalintendanten! Ich versuchte, deren einige auf dem Serviertisch zu installieren – möglichst unauffällig – so etwas schickt sich in solch einem Falle nicht für die Hausfrau. Der Serviertisch dachte gar nicht daran, alles hinzunehmen, was ihm aufgedrängt wurde. Ich wäre verloren gewesen ohne diesen hervorragenden Generalintendanten. Der gute Bott nahm einfach alle noch folgenden Schüsseln in seine Arme. Voll Staunen wurde mir klar, welchen Grad von Umsicht und Menschenliebe solch ein Amt erfordert. Wie er sich dieser unheimlichen Last entledigt hat, weiß ich nicht... Herrn Bott werde ich seine großmütige Hilfeleistung nie vergessen. (So jemand sollte bei jeder Bundestagssitzung zugegen sein.)
Im Verlauf dieser Mahlzeit hatte ich vor Beklemmung versäumt, ein Mißverständnis zu klären. Als meine Sorge, der vielen Schüsseln wegen, sich steigerte, sagte ich, schüchtern, entschuldigend: „Wir haben es eben genauso gehalten wie immer.“ Ohne nähere Kenntnis der Umstände, konnte das nicht anders aufgefaßt werden wie der beliebte Satz: „Wir haben gar keine Umstände gemacht“, oder so ähnlich. Ich bekam denn auch die entsprechende Antwort: Es sei ja erfreulich, wenn wir immer so gut lebten. Ich war zu erschöpft, um erklären zu können, daß sich das nicht auf den Ausschank, sondern nur auf die befremdliche Art des Servierens hatte beziehen sollen; daß wir im Gegenteil, so vieler Schüsseln nicht gewohnt, noch nie in solch gefahrvolle Lage geraten seien... Ich hatte die Wahrung des Inkognito versprochen, und so hielt ich es, wie schwer es mir auch gemacht wurde. Neben mir, noch zuverlässiger als ich – Maria. Hinterher erntete ich Vorwürfe. Die Gutsverwaltung entrüstete sich, weil infolge meiner Diskretion die Höfe nicht mal wie zu jedem Sonntag abgekratzt waren; die Herren der Begleitung hätten mit ihren guten Schuhen nicht bis zum Schweinestall gehen können. Der treue Bünder Schlachter rang die Hände: „Hätte ich das gewußt, hätte ich noch einen ganz anderen Kalbsbraten geliefert!“ Der Kalbsbraten war von der Küche gut befunden worden; jene noch höhere Sorte hatten und haben wir nie kennengelernt…

(Dies ist ein Auszug aus: „Über den Besuch des Bundespräsidenten Heuss“, in: Hertha Koenig: „Hinter den Kulissen eines Lebens“, Pendragon Verlag 2004)