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Picasso, Rilke und Hertha Koenig

Die Gaukler Im September 1914 entdeckt Rilke in München in der Galerie Thannhauser Picassos Gemälde „La famille des Saltimbanques“ von 1905. Er schreibt der Lyrikerin Hertha Koenig, mit der er befreundet ist, am 4.11.1914 über das Gemälde: „Das große Bild bei Thannhauser ‚Die Gaukler‘ haben mir diesen Maler mit einem Schlage bedeutend gemacht -, dieses Bild ist gewiß eines der entscheidenden Bilder unserer Malerei: können Sie's nicht retten und erhalten? Dafür müßten die rechten Hände und die rechte Wand da sein, eh der Kunsthandel es von Zufall zu Zufall in die Preise treibt.“ Der Brief Rilkes hatte seine Wirkung. Hertha Koenig kaufte „Die Gaukler“. Da Rilke den Sommer 1915 in der Münchner-Wohnung Hertha Koenigs verbringt, kann er das Gemälde ausgiebig betrachten. Er bezeichnet sich in diesen Momenten als „Wächter am Picasso“. Im selben Brief vom November 1914 erwähnt er auch das Gemälde „Le repas de l'aveugle“ (Das Mahl des Blinden) aus dem Jahr 1903, das seit Februar 1913 im Besitz Hertha Koenigs ist: „Vorgestern abend war Stauffenberg hier bei mir; er beschrieb mir einen Picasso, das Bild eines Blinden, das in Ihrem Besitz ist: hätte ich das gewußt, als Sie hier waren; vielleicht wär es möglich gewesen, es zu sehen.“

Die Mahlzeit des Blinden Hertha Koenig hat Picasso persönlich kennen gelernt. Sie hat ihn im Mai 1914 in seinem Atelier besucht: „Im Mai 1914 - ich kannte damals Rilke nur von den ersten Begegnungen - besuchte ich Picasso in seinem Pariser Atelier, weil ich ihm danken wollte für den ‚Blinden‘“. Sein Anzug wie beim „Blinden“ [der] eines russischen Arbeiters: hoch geschlossener blauer Leinenkittel. Sein Blick funkelte von verhaltener Auflehnung, beinahe gefährlichem Haß gegen sein früheres Bild. Er nagelte damals Stücke von Zigarrenkisten, für meinen Begriff willkürlich, auf seine kubistischen Bilder - wer weiß, wie absichtsvoll, eine neue Erkenntnis auszudrücken. Meinen Dank, den zu sagen ich gekommen war, ließ er abgleiten. Er wollte durchaus nichts mehr wissen von seinen Bildern dieser vergangenen Epochen. Lehnte sie [...] fast noch brüsker ab, als der späte Rilke seinen „Cornet“. Picasso zeigte mir seine neuen Bilder. Ich schwieg, wie meistens, wenn mir Bilder gezeigt werden. Heute erscheint es mir unerfindlich, wie ich überhaupt mit naiver Selbstverständlichkeit sein Atelier betreten konnte, völlig missglückt, da ein Dank von schneller Wärme für den „Blinden“, so wie ich mir's gedacht hatte, gar nicht zustande kommen konnte.“

Rilke schreibt im Februar 1922 seine „Fünfte Duineser Elegie“, die er Hertha Koenig widmet. In dieser Elegie verarbeitet er seine Erinnerungen an Picassos „Gaukler“.
Die Frage nach der Identität der Gaukler stellt Rilke gleich zu Anfang der fünften Elegie, wenn er schreibt:

Wer aber sind sie, sag mir, die Fahrenden, diese ein wenig
Flüchtigern noch als wir selbst, die dringend von früh an
wringt ein wem, wem zu Liebe
niemals zufriedener Wille? Sondern er wringt sie,
biegt sie, schlingt sie und schwingt sie,
wirft sie und fängt sie zurück; wie aus geölter,
glatterer Luft kommen sie nieder
auf dem verzehrten, von ihrem ewigen
Aufsprung dünnerem Teppich, diesem verlorenen
Teppich im Weltall.

Im April 1931 veröffentlichte Hertha Koenig in der Zeitschrift „Der Kunstwart“ das Gedicht „Die Seiltänzer von Picasso“. Es besteht aus den zwei Teilen „Bild“ und „Publikum“.

Die Seiltänzer von Picasso

I. Bild
Ihr Einzelnen, dicht
Nebeneinander gestellt,
Wie erblüht im geräumigen Licht,
Angeweht,
Eine Traumeswelt
Aus euren Gewändern,
Aus Flicken und Bändern,
Arm aneinander genäht.
Und man sieht euch ein Können an,
Das von uns keiner kann:
Immer bereit, in der Wandlung
Aufzugehen,
Immer die Handlung
Zu bestehn ...

Der Tod des HarlekinHertha Koenig erwirbt noch ein drittes Werk von Picasso. 1915 kauft sie die Gouache „La mort d'Arlequin“ (Der Tod des Harlekin) in der auf den frühen Picasso spezialisierten Galerie Caspari in München. Rilke hat sie in einem Brief vom 23.7.1915 auf diese Gouache aufmerksam gemacht und ihr ein Foto zugeschickt. Sie hat die Arbeit schon gekannt, sie hatte sogar 1913 vergeblich versucht, sie zu erwerben. Das Bild zeigt einen sterbenden Pierrot und zwei Jungen, die an seinem Krankenbett sitzen. Meisterhaft hat Picasso das verlöschende Leben dargestellt.

Im Frühjahr 1931 verkaufte Hertha Koenig „Die Gaukler“. Sie schreibt dazu: „Der Winter 1930 veränderte mein Verhältnis zu den ‚Gauklern‘. Die Kunde vom großen Wert der Picasso-Bilder drang, wenn auch verspätet, bis in meine Einöde Aich. Ich hatte so sehr nur das Bild geliebt und hatte so nah mit ihm gelebt, daß ich nie auf den Gedanken gekommen wäre, es könne sich je etwas zwischen uns stellen. Und da waren es plötzlich Zahlen, die mich ihm entfremdeten. Das Bild wurde mir unheimlich. Als gehörte es mir schon nicht mehr. Ich brauchte damals Geld, um meine hiesige Heimat zu erhalten.“

Zu den Picasso-Bildern von Hertha Koenig:

Le repas de l'aveugle (Das Mahl des Blinden), 1903
Hertha Koenig hat das Bild im Februar 1913 bei der Galerie Thannhauser in München erworben. Heute gehört es zum Bestand des Metropolitan Museum of Art, NY (Geschenk von Mr. and Mrs. Ira Haupt).

La mort d' Arlequin (Der Tod des Harlekin), 1905
Hertha Koenig hat das Bild im Juli oder August 1915 bei der Galerie Caspari in München erworben.
Heute gehört es zum Bestand der National Gallery of Art, Washington. (Mr. and Mrs. Paul Mellon Collection) Mit Hilfe ihres Bruder Helge (Siegfried) Koenig hat Hertha Koenig „Le repas de l'aveugle“ und „La mort d'Arlequin“ im November 1950 an Justin K. Thannhauser gegeben, der sie in ihrem Auftrag verkauft hat.

La famille des Saltimbanques (Die Gaukler), 1905
Das Bild hat Hertha Koenig im November 1914 bei der Galerie Thannhauser in München erworben. Im Februar 1931 hat sie es über einen Oldenburger Kunsthändler an Chester Dale verkauft. Heute gehört es zum Bestand der National Gallery of Art, Washington (Chester Dale Collection).

(Die Texte von Hertha Koenig befinden sich in: „Hertha Koenig, Erinnerungen an Rilke“, Pendragon Verlag 2002)